




Eine Pilgergruppe






Es gibt noch großen Sanierungsbedarf im Innenbereich


Der Abschluß der Arbeiten für die ganze Klosteranlage dürfte noch 3 - 5 Jahre dauern
Das Solowetzker Kloster - eine große Kreml-Anlage - ist in Restaurierung. Es dürfte noch 3-5 Jahre dauern, bis die ganze Anlage als auch die umgebende kleine Ortschaft saniert ist und restauriert sein wird.
Nach der bolschewistischen Machtübernahme wurde das Kloster 1920 geschlossen und wurde Teil der sowjetischen Zwangsarbeitslager auf den Solowetsker Inseln. “Das Kloster wurde in das bekannteste KZ des Sowjetischen Russlands verwandelt...” (Solowki - Publikation des Solowezki-Kloster, 2010).
Bericht der Etappe von Petrosawodsk nach Solovki
Petrosawodsk: Pünktlich morgens um 2:30 Uhr steht ein Fahrer vor der Tür, um uns zum Bahnhof zu bringen. Ihm geben wir eine der Tüten, die wir als Lunch mitbekommen haben. Nur das Wasser und der Apfel sind brauchbar.
Am Bahnhofsplatz angekommen, gehen wir auf den vermeintlichen Bahnhof zu, der durchaus einen sehr passablen Eindruck macht, sich aber als ein Hotel herausstellt. Der Bahnhof liegt gegenüber. Der Wartesaal ist trostlos, auch ein paar Obdachlose schlafen dort. Heute steigen wir in den Zug, der nach Murmansk fährt. Wir zählen 21 Waggons - das wirkt schon gewaltig. Günter darf diese, aber nicht auch die übermüdeten Frauen fotografieren, die die Waggons begleiten. Nach 7 Std. erreichen wir Kem. Die anhaltende Helligkeit hat keine Nachtstimmung aufkommen lassen. Wieder geht es mit dem Auto weiter zum Tourkomplex „Prichal“, in dessen Rezeption wir Voucher für die Überfahrt nach Solowetzki und ein gescheites Frühstück mit Brei und Blinis bekommen. 12.30 legt unser Schiff zur Insel ab. Auch hier wieder Ermahnung an die Passagiere, sich auch im Fall von Übelkeit kultiviert zu verhalten. Bei all den Instruktionen hat man das Gefühl, das Volk muss ständig erzogen werden. Die Überfahrt war entgegen den Ankündigungen des Kapitäns verhältnismäßig ruhig - was das Schiff betraf, so meinte G., es wäre alles schrottreif, aber irgendwie fuhr es ja schon Wie die alten Shigulis, die wir in Städten außerhalb Moskaus sahen. Nach 2 Stunden legt das Schiff an, die Insel mit dem Kloster ist schon von weitem zu sehen und wirkt auch von weitem eindrucksvoll. Ein junges Mädchen mit modisch zerrissenen Jeans und einer ganz modernen Eulenbrille erwartet uns und empfängt uns mit einem Redeschwall, sammelt die paar Leutchen ein, die auch zum Hotel „Solowezkaja Sloboda“ wollen/sollen und so fahren wir dann mit einem Bus vom Ort zum Hotel. Auf dem Weg dorthin werde ich stark an Sibirien erinnert, unbefestigte Straßen sehen nach Regengüssen immer gleich aus. Das Hotelzimmer is gut und vor allem auch warm. Die junge Frau bietet uns eine Tour über die Insel an, allerdings nur in Russisch und so kann sich G. rausreden. Wir wandern los, auf eigene Faust, in Richtung Meer und dann in den Klosterbereich, der erst einmal enttäuschend wirkt, da vieles noch renoviert werden muss und die Vorgaben zum Abschluss der Arbeiten auch nicht einzuhalten sind. Anfang des 15. Jahrhunderts kamen die ersten Mönche auf die Insel - das Solowezker Kloster wurde zum Hort des orthodoxen Christentums im Norden Russlands. 1920 wurde das Koster geschlossen und ab 1990 kann man vom Wiedererstehen des Klosters sprechen. Seit 1992 ist der architektonische Komplex der Solowezker Inseln in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen. Die Insel, auf der wir uns befinden, ist die Hauptinsel des Solowezki-Archipels. Da wir nur zwei Tage eingeplant hatten, blieben wir auf dieser Insel.
Günter entdeckt dann am Abend in einer der Kirchen auf dem Gelände einen wunderschönen Ikonostas, den wir uns ganz allein in aller Ruhe anschauen können.
An der anderen Schiffsanlegestelle entdecken wir auch die Ruinen eines ehemaligen Hotels, dessen Wiederaufbau irgendwann stehengeblieben war. Momentan gibt es genügend Übernachtungsmöglichkeiten: 2 Hotels, Unterkünfte für die Pilger und private Quartiere. An der Anlegestelle unseres Schiffes standen Frauen mit Angeboten für Übernachtungen.
Donnerstag, der 7. Juni - 11. Tag
Es sind 6 Grad, der Himmel ist bedeckt, immer wieder regnet es leicht. Im Frühstücksraum wird Günter ganz lieb von einem ganz jungen Mädchen gegrüßt mit: „Dobroje utro, deduschka“ (Guten Morgen Väterchen). Nach dem Frühstück wandern wir erst ein bisschen durch den Ort. Der Regen hat die unbefestigten Straßen aufgeweicht. Dann geht es in Grüne - erst an Meer, zum ersten Meeresdeich am Weißen Meer, der im 16. Jhd. gebaut wurde - Mücken machen sich bemerkbar. Wir laufen durchs Grüne, Birken…. und kommen auf den Weg, der zum Botanischen Garten führt. Die Ausschilderung ist recht bescheiden, wären wir dann noch gerade weitergegangen, wären wir zum Sekirnaja Gora gelangt, einem Hügel, 73,5 m hoch. Im19. Jhd. wurde auf dem Berg eine Kloster-Einsiedelei mit einer steinernen Kirche gebaut. Zur Zeit des Solowezker Lagers wurde die Christi-Himmelfahrtskirche als Gefängnis für Männer benutzt und am Fuß des Berges fanden Massenhinrichtungen statt. Am Fuß des Berges steht ein Kreuz als Gedenkstätte für alles Opfer des Solowezker Lagers. Wir haben auch im Ort selbst verschiedene mit Blumen geschmückte Gedenkstätten gesehen. Wir sind heute mindestens 6 Std. unterwegs gewesen. Geraten zum Trapezia, einem Restaurant im ehemaligen Refektorium des Klosters. Sie haben ein sehr gutes Angebot an Speisen und zudem auch den Solowzker Tee - wir bekommen einen Aufguss und gießen heißes Wasser nach. Laufen noch einmal durch die Klosteranlage, es wird fleißig an den Blumenrabatten Im gearbeitet, da es aufgehört hatte zu regnen.
Im Ort gibt es auch Holzhäuser mit gepflegten Vorgärten, aber Abfall auf den unbefestigten Straßen. Wir sehen eine Katze mit einem wahnsinnig dicken Fell – dem Klima angemessen. Wollen dann am Abend noch einmal zum Essen ins Kloster gehen, aber es ist schon 19 Uhr und sie haben Schluß gemacht. So versuchen wir es dann mit dem Cafe „Kajut-Kompanija“ auch ganz in der Nähe des Hotels. Günter fühlt sich unterzuckert und stürzt sich mit Freude auf die Spiegeleier mit Kartoffelpüree. Er bestellt noch eine Portion, die auch unglaublich schnell auf dem Tisch steht. Hat uns schon begeistert. Und zum Schluss noch 3 Gläschen Balsam - die Leute am Nachbartisch hatten es auch. Balsam: darunter versteht man hier einen ordentlichen Kräuterlikör. So rasch wie bedient wird, so rasch wird auch die Rechnung vorgelegt. Mozhno… ja sicher, wir bezahlen gern.
Freitag, der 8. Juni- 12. Tag
Heute entdecken wir beim Bummel auf dem Klostergelände ganz in der Früh noch zwei schöne Kirchen - der Ikonostas der einen besteht teilweise noch aus sehr hochwertigen Drucken, die andere Kirche, die Maria-Verkündigungskirche, ist die erste Kirche, in der schon wieder regelmäßige Gottesdienste abgehalten werden. Hier sind auch die Heiligenschreine mit Reliquien der Klostergründer untergebracht. Es ist eine wirklich schöne kleine Kirche. Wir waren in beiden Kirchen die Einzigen - so in der Früh. Wir kaufen in einem recht ordentlichen Lebensmittelgeschäft eine Flasche Sprite zum Mitnehmen - wieder sitzt die Katze im Laden, die wir schon gestern dort gesehen hatten. Dann geht es in das Museum, das in einer der letzten Lagerbracken des ehemaligen GULAG eingerichtet ist. 1920 wurde auf den Solowzker Inseln ein Zwangsarbeitslager geschaffen, das als die Keimzelle des später die gesamte UdSSR umspannende Lagersystems GULAG gilt. In dem mit vielen ausdrucksstarken Fotos und persönlichen Exponaten sowie politischen Texten das Lager und seine Insassen vorgestellt werden. Sehr eindrucksvoll die Darstellung, an wie viel „Errungenschaften des Sozialismus“ vor allem im Osten des Landes Häftlinge des Gulagsystems beteiligt waren. Hier ging es vor allem um den Bau des Weißmeer-Ostseekanals.
Jetzt ist auch noch Zeit, in das Souvenirgeschäft zu gehen - alles liegt ja im „Zentrum“ des kleinen Ortes, um den Solowezker Tee und ein sehr schönes Magazin zu Solowiki (auf Deutsch) zu kaufen.
Es ist früher Mittag und wir gehen zum Essen in die „Trapezia“, genießen das Angebot und entschließen uns erst recht spät, noch Proviant zu kaufen für die Fahrt nach Petersburg. In der Zwischenzeit ist eine fast nur aus Frauen bestehende Pilgergruppe mit Popen angekommen - eine resolute Frau sorgt aber dafür, dass ich ein bisschen weiter vorgehen darf in der Schlange und an der Kasse werde ich auch nochmal so recht bedauert. Aber eigentlich haben wir ja … Zeit. Auch die Toiletten in der „Trapezia“ sind sehr gut. Eine Tatsache, die man als Reisender schon zu schätzen weiß.
Wir wandern noch ein Stück raus ins Grüne, entdecken dabei auch die Unterkünfte für Pilger und kehren dann langsam ins Hotel zurück. Ich werde von einem Moskauer angesprochen, wir sprechen über unsere Reise, über Moskau und unser nächstes Ziel. Unser Bus ist da - unser lustiges Mädchen mit der großen Brille wartet noch auf andere Gäste, die auch zum Bus müssen - die Frau von der Rezeption ist schon aufgeregt, weil sie uns noch sieht, der Bus aber schon vor der Tür steht. Hier geht wirklich keiner verloren. Im Bus ist diesmal auch eine Gruppe älterer Männer, vermutlich Norweger, die sicher mehr Interesse an den biologischen Angeboten der Insel hatten. Um 16 Uhr geht es wieder aufs Schiff. Das Meer ist ruhig, gegen 18 Uhr kommen wir an – in Rabotscheostrovsk - unser Fahrer fährt uns die 20 km zum Bahnhof Kem. Die Straße ist wie sie ist: weit weg von den Geldtöpfen der Oligarchen. In Kem werden wir ausgeladen und haben jetzt sehr viel Zeit - der Zug fährt erst 20.40 Uhr .Günter geht in das gegenüberliegende Kaufhaus, lässt sich überzeugen vom Angebot. Ich laufe ein Stück die Hauptstraße entlang, die allerdings auf meiner Seite gar keinen Fußweg hat, die Bewohner der Hochhäuser nutzen unbefestigte Trampelpfade. Die Stadt hat sicher noch schönere Seiten, es gibt eine große Holzkirche und der Stadt vorgelagert ist eine wunderschöne Schärenlandschaft, die wir von der Fähre aus bewundern konnten, doch Kem (10.000 Einwohner) ist eben nur Durchgangsstation auf dem Weg zu den Inseln. Und wir hängen hier im Bahnhof fest, der einen sehr bescheidenen Eindruck macht - irgendwie auch erneuert wurde vom Anstrich her - alles in einem Lindgrün - es steht sogar ein „Bücherschrank“ da, aus dem man sich Bücher nehmen kann. Da waren sicher junge Leute, hoffnungsvolle Leute am Werk gewesen - nur die Bücher sind meist noch sowjetische Ausgaben, ich kann nichts Interessantes für mich entdecken. Günter entdeckt einen Automaten, der heißen Kakao spendet. Das WC ist eine runtergekommene nicht zu schließende Tritttoilette - später fragt mich eine jungen Frau, als ich so ziellos durch den Raum schlendere, ob ich die Toilette suchen würde. Das war sehr nett gemeint. Ich studiere die Instruktionen, die an der Wand hängen. Es ist wieder eine zum Thema „Geiselnahme“, dann ganz ausführlich zum Thema „Waldbrand“, ein Hinweis drauf, dass Kinder nicht mit Musik im Ohr in der Nähe der Gleise sein sollten, dass man prinzipiell nicht über die Gleise gehen sollte… Ich weiß nur nicht, ob die Leute das auch alles lesen. Selbst wenn es gut gemeint ist. Günter beobachtet die Schlange vor dem einzigen Fahrkartenschalter, an der eine Kundin seit einer Viertelstunde und länger ein Vorrücken blockiert. Die Gruppe hinter ihr will mit unserem Zug fahren - keiner reagiert auf die lange Wartezeit, es stellen sich immer mehr Leute an…. wäre bei uns nicht so ruhig abgelaufen. Zu dem Thema las ich gerade einen guten Artikel in der NZZ vom 3. Juli : „In Moskau weiß die Macht noch immer, was das Volk braucht“. Und darin wird auch das Thema angesprochen, was uns schon sehr aufgefallen ist: Benimmregeln in ständiger Wiederholung, auf dass sie ins Unterbewusstsein geraten - in der Metro - auf dem Schiff - auf den Spielplätzen - bei Vergnügungen für Kinder, die die unsrigen ohne vorheriges Abfragen wahrnehmen können. Das Leben ist eine einzige lange Lehrstunde mit dem Ziel Disziplin und Unterordnung. So ist zum Beispiel der, der sich über einen Vordrängler aufregen würde, ein Flegel. Irgendwie verrückt. Unser Zug kommt - pünktlich wie immer. 20.40 Uhr Abfahrt nach Petersburg, es ist die Bahn aus Murmansk. Es dauert noch einmal – wir sind etwa 15 Std. unterwegs, der Zug fährt hier - des anderen Unterbaues wegen – bald auch leiser und somit ist die Toilette auch besser zu benutzen. Die vielen Spiegel im Abteil sind übrigens nicht wirklich aufbauend.
© Guenter Knoblauch